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8. Schützenentwicklung im 18. und 19. Jahrhundert

a) Von der Schutzwehr zum Vollstrecker obrigkeitsstaatlicher Maßnahmen

Wie alle anderen Landesherren auch, setzte der Kurfürst von Köln nach dem Dreißigjährigen Krieg seine Territorialherrschaft flächendeckend und allumfassend Schritt für Schritt durch und engte damit die verschiedenen Privilegien der Städte und des Adels zusehends ein.

Die Städte wurden mehr und mehr zu vollständig abhängigen Landstädte, die keine eigenen Verteidigungsgruppen mehr benötigten. Die Schützengesellschaften waren nun vom Pflichtdienst entlastet und verwandelten sich nach und nach in Fest- und Feiergesellschaften. Dadurch gewannen sie aber an neue Attraktivität. Sie fanden neue Aufgaben im Einsatz bei Katastrophen und innerstädtischen Notständen, Feuersbrünsten, Hochwassergefahren und als Ehrengarde bei hohem Besuch. (vgl. dazu: Schützenwesen im Kurkölnischen Sauerland)

Anders war es bei den Schützengilden der Landgegend. Mit der Einrichtung stehender Heere verloren auch sie an Bedeutung. Bemerkenswert ist aber, dass die Schützengilden von der Elitetruppe zur Vollstreckung obrigkeitlicher Maßnahmen eingesetzt wurden.

So erfahren wir durch Aufzeichnungen des Schultheiß Adam Josef Weingarten, Wenden: „1809 d. 12. July, daß ich den Deserteur Peter Josef Sch. Von Wenden ergreifen sollte, dieses Befehl abgeschrieben,“ und weiter:

„Dito vorerwähnten Auftrag wegen dem Pet. Jos. Sch. ich nebst genugsamen Schützen vollzogen, denselben abermals nicht ertapfft.“ – „1809. Gemes Befehl d. dato Arnsberg d. 25.9.ber (September) von Großherzoglicher Regierung  wurde mir aufgetragen, den 27.eiusdem von 4 Uhr des Morgens bis den Abend die genauesteVisetation durch Berg und Thäle wie auch in der Commune selbst mit Zuziehung genugsamer Schützen vorzunehmen.“

Anmerkung:
„Desertation“ galt zu jener Zeit in der Volksmeinung nicht als unehrenhaft. Soldat in hessischen Diensten (1803 – 1816) zu sein – so berichtet Franz Wiemers – wurde damals mit wenig Begeisterung aufgenommen. In Massen sind die Burschen desertiert, sie wollten nicht in hessischen Diensten für Napoleon ihr Blut vergießen. Dennoch sind viele junge Männer unserer Sauerländer Heimat auf den Eisfeldern Russlands für Napoleon gefallen.

 

Nachdem 1806 der Landgraf von Hessen dem Rheinbund beigetreten und Großherzog von Napoleons Gnaden geworden war, wurden die Landstände, das waren die Vertretungen der Städte und der Ritterschaft, kurzerhand aufgehoben. Zum gleichen Zeitpunkt wurde die Militärpflicht, die bei uns im kölnischen Sauerland unbekannt war, eingeführt.

Dazu einige Notizen aus Tagebüchern von Kirchspiels- und Bauernvorstehern:

„1714 im Juni: Kaiserliche Fußvölker – Vikariehaus gehoben – Schmelzofen für denGlockenguß gemacht – Mühlensteine in Andernach gekauft – Novbr.: Neue Orgel in der Kirche – Bei Koch ein Korporal und ein Fähnrich im Quartier, denen wegen eines Streites Wein und Bier gezahlt werden musste – Die Wintereinquartierung ist erst im folgenden Mai abgerückt.

1714, am 20.6.: Kaiserliche Fußtruppen einquartiert. Am 5.8.: Kichenbau im Gange. Desgl. Vikarieneubau – Die Glockengießer sind da.

1715: Kirchenbau – Am 15. März kommen pfälzische Völker von Römershagen ins Kierspel, desgleichen Paderbornische Völker.

1716: Kaiserliche Dragoner eingetroffen – Neuburgische Völker in der Nassau (Siegerland), deshalb die Schützen zur Wache zitiert.

1717, im März: Kaiserliche Völker – Neue Kirchhofsmauern.

1718: noch Kirchen- u. Vikariebau.“

Alle benachbarten, älteren Schützenvereinigungen haben diese Entwicklung mitgemacht. Die Schützengesellschaften oder –gilden wurden durch die Schaffung stehender Heere ihrer Aufgabe enthoben, ihre Stadt oder ihr Kirchspiel zu verteidigen. Statt dessen trat die Pflege von Geselligkeit in den Vordergrund.

Wenn aber die Geselligkeitspflege in der Mitte des 18. Jahrhunderts wieder zum Erliegen kam, so lag das an den Auswirkungen von Besetzungen und kriegerischen Konflikten.

Einquartierungen während des 7-jährigen Krieges (1756 – 1763) forderten ein Höchstmaß an Belastung der Bevölkerung. Kriegskontributionen beschwerten noch jahrzehntelang das arme, erschöpfte Land.

 

b) Von der Schützengilde zur Schützenbruderschaft – religiöse Verankerungen

Neben geschichtlichen Quellen weltlicher Art gibt es auch Zeugnisse über das Schützenwesen, die aus der kirchlichen Überlieferung stammen, z. B. von den Schützen gestiftete Figuren zu Ehren des Schutzpatrons. Ferner sind aus unserer näheren Heimat Stiftungen von Altären zu Ehren der Heiligen bekannt.

In diesen kirchlich ausgerichteten Quellen erscheinen die Schützenvereinigungen nicht mehr als Gesellschaften, sondern als Bruderschaften, die sich jeweils einem kirchlichen Schutzpatron unterstellt haben.

Ein wichtiger Wendener Schützendienst war der Schutz der Kirche und die Teilnahme an den kirchlichen Prozessionen. Das Fronleichnamsfest galt als der Schützen höchster Feiertag.

Unter der Überschrift „Firmung im Amt Wenden“ berichtet Fritz Wiemers, gestützt auf eine Veröffentlichung des Geistlichen Rates Dr. Dr. theol. et phil. Goeteken, Fredeburg, u. a.: „Glänzende Bischofstage in Olpe und Attendorn im Jahre 1753, die auch für das Wendener Land von kulturhistorischem Interesse sind. Seit 17 Jahren war kein Bischof mehr in dieser Gegend gewesen. Ergreifend wird der festliche Empfang geschildert, der dem Weihbischof Franz Caspar vonFranken-Sierstorpf in den Tagen vom 15. bis 22. Mai des Jahres hier zuteil wurde. Der Weihbischof kam im Auftrag des Erzbischofes und Churfürsten August von Köln und Herzog von Bayern.

Nach Olpe, nebst „Drolshagen, Rommershagen, Cleusmen und Melmecke“ empfingen diese das Sakrament der Firmung. Am 17. Mai Fortsetzung der Firmung der Gläubigen aus „Rhode, Fernrahrbach und benachbarte Orte“ und Weihe der vor der Brücke erbauten Kreuzkapelle und ihrer Altäre. Darauf wurden die Reliquien öffentlich ausgestellt, die für die Konsekration der Wendener Kirche Verwendung finden sollten (der Neubau der Wendener Kirche war im Jahr vorher fertig gestellt worden).

„Nach einem feierlichen Akt“, so heißt es in dem eingangs erwähnten Bericht weiter, „begab sich der hochwürdigste Herr Weihbischof um 9.00 Uhr morgens nach Wenden. Vor Wenden standen Pfarrer und Clerusund ein bewaffneter Zug Schützen, die den hohen Herrn unter einem Baldachin zur Kirche führten. Gleich darauf wurden die neue Kirche und der Hochaltar zu Ehren des Hl. Severin konsekriert.

Um 11.00 Uhr fuhr der hochwürdigste Herr unter Büchsenknallen (Katzenköpfe – Böller) und Glockengeläut von Wenden nach Attendorn.“

Es wird deutlich, wie eng weltliches und religiöses Brauchtum im Wendener Land miteinander verbunden waren.

Die Sorge um das christliche Begräbnis ist ebenfalls Element des Denkens und Handelns bei Schützenbruderschaften.

So geleiten die Schützenbrüder seit eh und je den verstorbenen Schützenbruder zur letzten Ruhestätte, tragen den Sarg und legen einen von den Schützen gestifteten Kranz nieder. Außerdem wird dem Verstorbenen die Ehre im letzten Gruß erwiesen.

Die Wendener Schützenbruderschaft hat darüber hinaus die Verpflichtung übernommen, dem verstorbenen Schützenbruder eine Seelenmesse lesen zu lassen. Des weiteren wird jedes Jahr für die lebenden und verstorbenen Schützenbrüder je eine hl. Messe auf Schützenfest und zum Fest des Schutzpatrons aller Bruderschaften und der Schützenjugend, des hl. Sebastianus, gefeiert.

Eine besondere Verbundenheit zur Kirche wurde immer deutlich beim Besuch des hochwürdigsten Herrn Bischof, indem diesem ein Empfang bereitet und der H. H. Bischof zur Kirche und wieder zurück geleitet wurde.

Es gibt weitere Quellenachweise, die von der religiösen Verbundenheit der Wendener Schützen berichten. So ein Vereinsstatus aus dem Jahre 1844, welches zum Inhalt hat, dass dieses anstelle der veralteten Statuten angenommen wurde.

Im Eingang des Status heißt es: „In der Pfarrei Wenden bildet sich in einer durchaus religiösen Absicht eine Schützenbruderschaft, welche den Zweck hat, zur Verherrlichung der Feierlichkeiten bei den zwei großen Prozessionen der hiesigen Pfarrgemeinde mitzuwirken“.

 

c) Königsvogelschießen

Dass die repräsentativen glänzenden Freischießenspiele des späteren Mittelalters die Vorläufer unserer Schützenfeste waren, bedarf keiner Frage. Die Vermutung liegt jedoch nahe, dass mit dem Königsvogelschießen im Wendener Land erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begonnen wurde.

Aus zwei, an den Amtmann Weingarten gerichteten Einladungsschreiben der Wendener Schützen aus den Jahren 1849 und 1850 geht hervor: „Am 10. d. Mts., Nachmittags 1 Uhr, hält die Wendener Schützen-Gesellschaft ihre Schieß-Übung und am 11. Nachmittags einen geschlossenen Ball bei Josef Koch in Wenden ab. Der Scheiben-Platz ist ´Unterm Stein´, wie im vorigen Jahre, und für Vorbeigehende durchaus nicht gefährlich. Durch Gegenwärtiges theile ich Ihnen im Namen der Gesellschaft solches mit, damit Sie in polizeilicher Hinsicht derselben wie auch früher keine Opposition entgegen stellen möchten.

Zur Schlussübung wie zum Balle werden Sie hiermit ergebenst eingeladen.

 

Ottfingen, den 7. November 1849

Für die Schützengesellschaft

Gez. Bröcher

Hauptmann.“

 

d) Neugründungen von Schützenvereinigungen

Mit der Einrichtung stehender Heere nahm allgemein das wehrsportliche Interesse der Bevölkerung merklich ab. Erst in der preußischen Zeit kam es im 19. Jahrhundert zu einer Neubelebung des Schützenwesens.

Während der preußische König Friedrich Wilhelm I. (unter dem Namen Soldatenkönig bekannt) das Schützentreiben als eitel Müßiggang bezeichnete, veröffentlichte die Königliche Regierung in Arnsberg bereits am 15. Februar 1817 – 7 Monate nach der Eingliederung des Sauerlandes in das Königreich Preußen – eine Verordnung über den Gebrauch der Schießgewehre, besonders beim Scheiben- und Vogelschießen. In ihr wurde die Gründung von Schützenvereinen ausdrücklich angeregt. Wörtlich heißt es da:

„Es ist zu wünschen, daß die alte, löbliche und unter Beobachtung dieser Vorschriften unschädliche Übung des Scheibens- und Vogelschießens überall, wo solche stattgefunden hat, wieder auflebe und wo solche noch nicht war, neu eingeführt, auch solche Tage dazu gewählt werden, welche die Erinnerung eines denkwürdigen, dem Orte, dem Lande oder dem Staate teueren Ereignisses heiligt.“

Durch diese Ermunterungen, verbunden mit einem neuen Vaterlandsbewusstsein, gründeten sich allerorts um die Jahrhundertwende neue Schützenvereinigungen.

 

Euer Wohlgeboren

Übersende ich anbei eine Abschrift der von der Schützenbruderschaft vorläufig angenommenen Statuten mit der Bitte zur Entwerfung neuer Statuten hilfsweise Hand zu leisten. Ob die neue Statuten, welche am 1. Januar 1850 ich der Schützen-Gesellschaft mitzuteilen versprochen, von derselben angenommen werden, hängt wohl größtenteils von deren Inhalt ab, weshalb ich auch mal persönlich zu Ihnen kommen und die von mir entworfenen mitbringen werde.

 

Mit voller Achtung

Euer Wohlgeboren

 

Ottfingen d. 16.11.1849

Gez. Ihr Bröcher

 

Das allgemeine Streben nach kommunaler Eigenständigkeit war eine weitere Ursache, die zu Neugründungen in unserem Wendener Land führten. So entstanden Schützenvereinigungen in:

 

Gerlingen                     St. Antonius-Schützenbruderschaft                  1898

Altenhof                       St. Hubertus-Schützenbruderschaft                  1909

Hünsborn                     St. Kunibertus-Schützenbruderschaft   1904

Ottfingen                      St. Hubertus-Schützenbruderschaft                  1919

Hillmicke                     St. Antonius-Schützenbruderschaft                  1907

Heid                            St. Antonius-Schützenverein                            1921

Schönau                      St. Elisabeth-Schützenverein                            1919

Elben                           St. Helena-Schützenverein                               1919

Brün                            St.-Matthias-Schützenverein   

Römershagen               Schützenverein                                    1921

 

Nachwort

Diese historischen Aufzeichnungen bezeugen eine uralte Schützenbewegung im Wendener Land.

Die Chronik gibt Zeugnis von großen Drangsalen, aber auch von glänzenden Ereignissen und Festen, verbunden mit echter Lebensfreude.

Stets waren für die Schützen „Maß und Richte“ ein tiefer, unerschütterlicher Glaube und eine innige Heimatverbundenheit.

Die Chronik zeigt, dass seit der Entstehung des Schützenwesens von diesem starke Impulse ausgingen, die sich sehr zum Wohle der Örtlichkeiten auswirkten.

Alle Schützenvereinigungen des Wendener Landes haben berechtigte Veranlassung, auf ihre Vergangenheit sehr stolz zu sein.

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